Nibelungen-Festspiele präsentieren mit „Die Hunnenkönigin“ spektakuläres Sommertheater im Schatten des Doms
Wieder mal feiert Worms sein historisches Erbe mit dem Beginn der Nibelungen-Festspiele am 17. Juli. Noch bis zum 2. August wird das Stück „Die Hunnenkönigin“ im Schatten des Wormser Doms aufgeführt. Geschrieben wurde das Stück von dem Briten Oliver Lansley, der seine Nibelungen-Interpretation mit seinem Regiekollegen James Seager inszeniert. Beide sind wiederum auch die Gründer der Theatercompagnie Les Enfants Terribles, die wiederum für ihre immersive Theatererlebnisse bekannt sind.
Mit „Die Hunnenkönigin“ setzen Lansley und Seager sowohl inhaltlich als auch inszenatorisch auf eine radikale Neuakzentuierung des bekannten Stoffes und füllen dabei eine Leerstelle im bekannten Kosmos der Nibelungensage. Konkret rückt Autor Oliver Lansley Kriemhilds Zeit nach dem Tod des bekannten Hünen Siegfried in den Mittelpunkt. Also jenes Kapitel, als Kriemhilds Brüder beschließen, die nach dem Mord an Siegfried ungeliebte Schwester aus Gründen der Kriegsdiplomatie an den Ostgoten König Etzel zu übergeben. Diese Ausgangssituation erlaubt einen Perspektivwechsel, weg von der altbekannten Sage, hin zu einer zeitgenössischen Deutung über Macht, Manipulation, den Missbrauch von Frauen und letztlich auch die Frage, was jemand bereit ist zu tun, um noch schlimmere Ereignisse abzuwenden.
Oliver Lansley und James Seager bringen mit viel Theatertricks, Kreativität, bombastischer Musik und eindrücklichen Schauspielern das vielschichtige Stück auf die Bühne. Oder anders formuliert: Musik, Bewegung, starke Bilder und eine deutlich poppige Bühnensprache wollen das alte Epos aus dem Museum befreien. Das gelingt in vielen Momenten eindrucksvoll. Vor allem dann, wenn Kriemhilds Entwicklung als innerer Bruch sichtbar wird, entfaltet der Abend emotionale Kraft. Maria Dragus, die aktuell auch in dem Netflix Drama „23000 Leben“ zu sehen ist, gibt der Figur Präsenz und Härte; sie spielt Kriemhild nicht als mythische überladene Überfrau, sondern als Person, die sich gegen Demütigung und Verlust in eine fatale Entschlossenheit hineinsteigert. Gemeinsam mit Aram Tafreshian, der mit ruhiger, aber überlegter Präsenz Etzel spielt, dominiert sie auch das Bühnengeschehen.
Allerdings muss man auch einräumen, dass „Die Hunnenkönigin“ zuweilen zu viel will. Gesellschaftskritik, Rollenumkehr, Spektakel, Musiktheater, psychologisches Drama und große Festspielgeste. Das fügt sich nicht immer zu einem stimmigen ganzen, unterhält aber über die üppige Spielzeit von 150 Minuten plus 30 Minuten Pause. Für inszenatorische Abwechslung sorgt vor allem die Entscheidung, die Musik als integraler Bestandteil des Bühnengeschehens einzubinden. Die bekannte Pop Sängerin Alice Merton hat eigens für die Aufführung neun Stücke gemeinsam mit dem Briten Alexander Wolfe komponiert. Wolfe gehört wiederum zu der Theatercompagnie, ebenso wie die Begleitband Silverlung, die sich auf der Bühne als versierte Musiker zeigen. Erstmals haben die Festspiele aufgrund der Qualität der Musik auch einen Original Bühnen-Soundtrack veröffentlicht, der allerdings nur vor Ort im Wormser Heylshof Park gekauft werden kann.
Karten für die Haupttribüne sind bereits restlos ausverkauft. Für alle weiteren Kategorien gibt es aktuell noch wenige Karten. Empfehlenswert ist neben dem Hauptstück auch das Kulturprogramm der Festspiele sowie ein Besuch im Heylshof Park. Für ein kleines Flaniergeld von 4 Euro kann den Abend unabhängig von dem Stück im romantischen Ambiente des kleinen Parks genießen.
Weitere Infos rund um die Festspiele findet ihr hier: www.nibelungenfestspiele.de

















